Alle Welt redet von „Digitaler Souveränität“, und dass wir Abhängigkeiten eliminieren müssen. Das klingt erst einmal gut, ist aber für die meisten Menschen so abstrakt und wenig greifbar, dass sich kaum konkrete Handlungsempfehlungen daraus ergeben. Hier ist ein Ansatz, der große Worte in kleine Schritte verpackt.
Was Sie hier erwartet
Ein pragmatischer Leitfaden, der jedem hilft, für sich ein kleines bisschen unabhängiger von digitalen Diensten außerhalb der EU zu machen - ganz ohne Extreme, ohne Dogma und mit praxisnahen Tipps für einen Umstieg - und wie man sich ohne Schwierigkeiten selbst mehr Optionen schaffen kann.
Zwei Extreme, keines davon hilfreich
Schnell sind Menschen mit klassischer Schwarz-Weiß-Malerei bei der Hand und propagieren, dass es nur ein „Alles oder gar nichts“ geben kann. Teillösungen kommen nicht in Betracht. Manche argumentieren damit, dass ohne eigene (europäische) Hardware-Hersteller keine Souveränität entstehen könne. In Wirklichkeit ist das zu bequem und zu einfach gedacht. Zum einen, weil der Status quo nicht (kurzfristig) durch eigenes Handeln änderbar ist. Es ist also eine Begründung, weiter die Hände in den Schoß zu legen. Außerdem verwechselt diese Argumentation „Souveränität“ mit „Autarkie“.
Manch einer propagiert in diesem Zusammenhang gar die vollständige Abkehr vom Online-Leben, was für den Einzelnen vielleicht ein reizvoller Gedanke, für den Alltag der meisten Menschen aber unrealistisch ist. Es geht hier schließlich auch nicht um eine Abkehr von der Digitalisierung.
Es geht im ersten Schritt um eine Erweiterung der individuellen Optionen, und nicht um einen radikalen Schnitt, gefolgt von einer Suche nach Optionen.
Auch bei G DATA tauchen immer wieder Anfragen von Menschen auf, die auf der Suche nach einer Alternative für ihre Sicherheitssoftware sind. Eine Strategie ist dabei wichtig - “Ablösen statt abschalten” ist hier der Ratschlag, mit dem sowohl Privatnutzer als auch Unternehmen und Behörden am besten fahren.
Ein Weg von tausend Meilen…
Aber was kann jeder Einzelne für sich und im Kleinen erreichen? Wichtig dabei ist zuallererst, dass es sich nicht um einen Wettbewerb handelt. Oder darum, gegen Konkurrenten anzutreten, um zu ermitteln, wer souveräner, unabhängiger, autarker ist als alle anderen. Nein, worum es hier geht, ist viel privater. Niemand muss der Öffentlichkeit gegenüber Rechenschaft über die eigene „Digitalstrategie“ ablegen.
Doch wo fängt man ein solches Mammutprojekt an? Wer versucht, alles auf einmal zu tun, wird feststellen, dass ihm oder ihr sehr schnell die Puste ausgeht: Es gibt so viele unterschiedliche Faktoren und Einzelkomponenten, dass es unmöglich ist, wie auf Knopfdruck alles umzustrukturieren. Das ist die wichtigste Erkenntnis:
„Digitale Souveränität“ ist kein 100-Meter-Sprint, an dem es einen klar definierten Anfang und ein eindeutiges Ende gibt.
Eine strategische Herangehensweise ist hier angebracht – und die braucht Zeit. Die im folgenden beschriebenen Schritte müssen nicht alle an einem Tag hintereinander „abgearbeitet“ werden. Nehmen Sie sich dafür so viel Zeit wie Sie brauchen. Nicht alles, was auf den ersten Blick wichtig scheint, hat auch Priorität oder ist schnell – beziehungsweise überhaupt - erreichbar. Da unser aller Leben in vielen Bereichen fast vollständig digitalisiert ist, braucht es zuerst eine Bestandsaufnahme. Wichtig: Das soll keine Bewertung sein, sondern nur eine völlig wertfreie Feststellung des Ist-Zustandes.

…beginnt mit einem ersten Schritt.
Als erstes steht also die Frage im Vordergrund: „Wo gibt es überhaupt Abhängigkeiten?“ Nehmen Sie sich einen Stift und ein Blatt Papier, oder öffnen Sie Ihre bevorzugte Notizen-App und schreiben auf, welche digitalen Dienste sie nutzen. Wichtig: Es geht hier nicht um eine bestimmte Rang- oder Reihenfolge. Es spielt auch keine Rolle, aus welchem Land ein Anbieter oder ein Dienst stammen. Schreiben Sie alles auf, was Ihnen hier in den Sinn kommt – wenn es Mehrfachnennungen gibt, ist das nicht schlimm. Sie können später auch jederzeit noch Dinge hinzufügen, falls Sie etwas vergessen haben. Hier ein Beispiel für Dienste, die von vielen Menschen eingesetzt werden – benennen Sie diese auch ruhig.
- E-Mail: Gmail, GMX, iCloud
- Foto- und Dateispeicher: Dropbox, iCloud, Google Photo
- Streamingdienste: Netflix, Disney+, Amazon Prime, Spotify, Tidal, Audible
- Messenger-Apps: Facebook Messenger, WhatsApp, Telegram
- Social Media-Plattformen: Facebook, X, Instagram, TikTok, Xing, LinkedIn
- Kalender-Apps: Google Kalender, iCalendar
- Navigation: Google Maps, Komoot, Calimoto
- Passwortmanager: Lastpass
Behalten Sie den Zettel oder die Notiz. Wir werden ihn noch brauchen. Noch einmal: Diesen Zettel muss niemand je zu sehen bekommen.
Triage
Nun nehmen Sie einen weiteren Zettel und legen ihn daneben. Teilen Sie das Blatt in drei Spalten auf. Jede dieser Spalten wird eine Kategorie enthalten. Beschriften Sie eine Spalte mit „Ich kann nicht ohne“, eine mit „Würde ich vermissen, kann aber ohne leben“ und eine mit „Brauche ich eigentlich nicht wirklich“.
Füllen Sie nun die einzelnen Kategorien mit all den Diensten, die Sie im ersten Schritt aufgelistet haben. Die Frage zu beantworten, ob man einen bestimmten Dienst unbedingt braucht, ist schwer und natürlich pauschal nicht zu beantworten. Eine Fragestellung, die jeder für sich beantworten kann, ist: Wenn dieser Dienst von jetzt auf gleich verschwände – was würde ich tun? Wie kann ich ihn ersetzen? Wann habe ich den Dienst / die App das letzte Mal benutzt?
Zwischenstand
Sind alle Dienste in eine Kategorie einsortiert, ist ein gutes Stück Arbeit getan:
Alles, was in der Kategorie „Ich kann nicht ohne“ steht, ist eine individuelle Abhängigkeit. Das ist erst einmal nicht schlimm – wie gesagt, wir wollen hier keine Bewertung vornehmen. Worauf es jetzt ankommt, ist Alternativen und Ausweichpläne zu finden. Das ist nicht immer und überall leicht. Aber woran liegt das?
Beispiel: Messenger
WhatsApp hat hier eine Vormachtstellung. Die meisten Smartphone-Nutzer haben die App des Meta-Konzerns installiert. Damit ist die Wahl der Kommunikationsplattform für die meisten Menschen ziemlich klar: Es wird die Plattform genutzt, die die meisten ohnehin haben. Aber was wäre, wenn WhatsApp plötzlich nicht mehr da ist? Alternative Plattformen existieren, sind aber bei weitem nicht so verbreitet wie WhatsApp: Ob Signal, Telegram, Matrix oder Threema – es gibt Auswahl. Nachteil: Nur vergleichsweise wenige Menschen haben diese Apps installiert oder kennen sie überhaupt.
Potenzielle Stolperfalle
Aber Vorsicht: Die Versuchung ist groß, andere mit Argumenten wie Datenschutz, bessere Verschlüsselung, mehr Anonymität, Quelloffenheit oder anderen technischen Details „missionieren“ zu wollen. Das funktioniert in der Praxis aber nicht, wenn das Gegenüber für einen Wechsel (noch?) nicht bereit ist. Überzeugungsversuche erzeugen bei den meisten Menschen eher eine Abwehrhaltung.
Viele fragen dann – zurecht - warum sie „noch eine App“ installieren sollen, wo doch „alle“ auf WhatsApp sind. Eine potenzielle Antwort auf diese Bemerkung könnte sein „Klar, deshalb bin ich ja auch noch da. Mir geht es nur darum, auch eine Alternative zu haben, falls WhatsApp mal nicht funktioniert. Ich bin auf WhatsApp auch weiterhin erreichbar.“
Technische Argumente ziehen nur in wenigen Fällen, vor allem bei technisch weniger versierten Menschen. Auch politisch-dogmatische Diskussionen („Ich habe doch nichts zu verbergen!“) lassen sich damit ganz einfach umgehen. Im eignen Profil bei WhatsApp ist ein Hinweis „Besser über Signal erreichbar!“ ein hilfreicher Hinweis.
Beispiel: Soziale Netzwerke
Mit Freunden und Bekannten in Kontakt zu bleiben und zumindest ein Stückweit an deren Leben teilzuhaben, ist für viele Menschen extrem wichtig, und sie könnten sich ein Leben „ohne“ kaum vorstellen. Daher ist es ein sinnloses Unterfangen, Freunde und Bekannte dazu zu überreden, Meta/Facebook, TikTok oder Instagram den Rücken zu kehren. Der Autor weiß aus eigener Erfahrung: Das geht fast immer mit einem Abreißen oder Einschlafen von Kontakten einher – man bekommt keine Updates mehr über das, was Bekannte und Freunde posten, bekommt vielleicht bestimmte Events nicht mehr mit – man verschwindet praktisch vom Radar. Da der Feed der Zurückbleibenden dadurch nicht weniger „voll“ ist, merken die meisten das noch nicht mal – das geht bisweilen so weit, dass Gerüchte entstehen, man sei nicht mehr am Leben.
Der Schritt und die Entscheidung, einem Netzwerk den Rücken zu kehren, können die Leute nur selbst treffen. Und wenn dann irgendwann der Entschluss gefasst ist: Lassen Sie Ihre Bekannten wissen, dass Sie nicht „aus der Welt“ sind. Bis dahin können Sie auf Alternativen hinweisen. Ob Bluesky, Mastodon, Substack, Pixelfed oder der gute alte Newsletter: Alternativen gibt es. Sie sind jedoch weniger stark verbreitet.
Das klingt zuerst nach einem Nachteil, hat aber viel Positives: vor allem weniger bis keine Werbung – insbesondere auf dezentralen Netzwerken wie Mastodon, die keinem Unternehmen gehören.
Beispiel: Cloud-Speicher
Ohne Cloud-Speicher ist vieles schwieriger. Fotos werden auf den meisten Smartphones automatisch in einen Cloud-Speicher geladen, sodass sie auch beim Verlust des Gerätes wiederherstellbar sind. Fotografen verschicken gerne Dropbox-Links, damit Kunden ihre Bilder herunterladen können. Die eigenen Bilder und Daten vertrauen Menschen jedoch dann dem Anbieter des Cloud-Speichers an – mit allen Konsequenzen. Wohl dem, der sein eigener Cloud-Anbieter ist. Und das ist einfacher als so mancher vielleicht denkt. Es gibt sowohl fertig konfigurierte Lösungen, bei denen man nur noch den Stecker anschließen muss, und dann läuft alles. Andere legen lieber selbst Hand an und vertrauen nur auf das, was sie selbst gebaut haben. Für jeden Geschmack und Geldbeutel ist etwas dabei. Ein ausgedienter Computer, ein paar neue Festplatten und ein Nachmittag Zeit und fertig ist die Cloud „Marke Eigenbau“. Mit Programmen wie Nextcloud geht die Einrichtung schnell vonstatten. Im Alltag gibt es praktisch keinen Unterschied in der Bedienung zwischen einem kommerziellen Cloudspeicher und einem selbst aufgesetzten. Der einzige Unterschied ist, wo die Dateien liegen und wie gut die Ausfallsicherheit ist.
Keiner der hier beschriebenen Schritte hat eine vorgeschriebene Umsetzungsdauer. Sie bestimmen das Tempo. Pausen sind vollkommen okay. So kann ein Wechsel zu alternativen Angeboten stressfreier erfolgen als mit einem „Hauruck-Ansatz“. Ein langsamer Wechsel oder eine schleichende Erweiterung von Optionen ist auch für die eigene geistige Gesundheit besser.
Und weiter?
Erinnern Sie sich noch an den Zettel mit den Kategorien, in die Sie die von Ihnen genutzten Dienste eingetragen haben? Werfen Sie zwischendurch einen Blick auf die Kategorie „Brauche ich eigentlich nicht wirklich?“. Wie sehen Sie diese Einträge jetzt? Wären Sie bereit, hier nach einer Alternative zu suchen, oder eher weniger? Falls Sie sich jetzt sagen „Eigentlich können die auch weg“: Löschen Sie die jeweilige App, schließen Sie das dazugehörige Konto oder kündigen das Abo. Auf diesem Weg haben Sie unter Umständen nicht nur Geld gespart, sondern auch ein wenig in Ihrem digitalen Chaos aufgeräumt!
Ist Ihnen bei der Lektüre dieses Artikels übrigens etwas aufgefallen? An keiner Stelle (außer in der Einleitung) kamen die Begriffe „Digitale Souveränität“ oder „Datenhoheit“ vor. Die Botschaft hier sollte sein, dass niemand sich von einem groß klingenden Begriff abschrecken lassen sollte. Alternativen existieren. Ob Filehosting oder Sicherheitssoftware – es gibt selbst aus Deutschland Lösungen, die keinen Vergleich mit Anbietern aus dem Rest der Welt scheuen müssen. Es geht hier nicht um radikale Neuansätze, die Ab- und Umkehr von allem, was bequem ist oder um große Entwürfe – sondern um kleine Schritte, die für jeden möglich sind.
Nützliche Links
Der Chaos Computer Club ruft einmal im Monat den "Digitalen Unabhängigkeitstag" aus. Auf der Webseite zum "DI-Day" gibt es zahlreiche Tipps und weiterführende Links zum Thema.

